Fleisch ist mein Gemüse
von Peter Schneider • 20. April 2008 • Filmbesprechungen, Filmnews, Trailer, Videoclips
Heinz Strunk lebt mit seiner Mutter in einem Einfamilienhaus im trostlosen Hamburg Harburg — ein, wenn man es positiv formulieren möchte, verschlafener — sieht man es realistischer, in lebloser Ort, von dem die meisten lieber entkommen wollen. Dort nistet der von Maxim Mehmet gespielte Heinz als mit seiner nervenkranken Mutter (Susanne Lothar). Von ihr erbte er seine musikalisches Interesse, weiß allerdings noch nicht wohin damit. So kommt ein Anruf von “Gurki”, dem Bandleader der Tanzkapelle “Tiffany’s” gerade recht. Heinz wird Solobläser der auf Schützenfeste,, Hochzeite, und ähnlichen Festivitäten auftretenden Kombo. Während der sich immer wiederholenden Auftrittsrituale keimt in Heinz die Erkenntnis, daß es doch noch mehr geben muss. So sucht er für seinen Durchbruch als Popproduzent einen Sängerin.
Wenn ein so beliebtes Buch wie Heinz Strunks “Fleisch ist mein Gemüse” verfilmt wird, ruft das gezwungenermassen viele Skeptiker auf den Plan. Man hat einfach schon zu viele belanglose Romanumsetzungen, vor allem von deutschen Autoren, gesehen. Und wenn ein Buch so stark mit dem Schreiber verwunden ist, wie Strunks Muckerbiografie und durch das Hörbuch perfektes Kopfkino bot, fragt man sich sicher nicht ohne Grund nach Sinn und Unsinn einer Adaption. Wie stimmen die Gesichter der Besetzung in das Bild des inneren Auges ein? Und beim Casting muss man Regisseur Christian Görlitz Lob ausprechen. Die Rollen sind grösstenteils treffend besetzt. Maxim Mehmet als junger leidgeprüfter Heinzer wirkt auf den Bühnen der Provinz und in seinem Leben so verloren, wie es die Figur verlangt. Susanne Lothar verkörpert die labile Vogelmama (obwohl im Film nicht ausdrücklich so genannt) sprichwörtlich. Über den ganzen hängt Heinz Strunk selbst an der Wand wie ein Jagdtrophäe und begleitet im Zwiegespräch mit einem Hirschkopf, den er ebenfalls selbst spricht. Auf dieses Symbol der Spießigkeit hätte ich gern verzichtetn — auf Strunk selbst jedoch nicht.
Da der Film natürlich Strunks treffende und urkomische Beschreibungen nicht wie im Hörbuch umsetzen kann, bekommen Nebencharaktere in dem Film eine grösseren Spielraum. Den grösseren Part, den die schlagerliebende Nachbarin Rosi (Livia S. Reinhard) bekam, war eine Berreicherung. Aber eigentlich hätte der Film auch “Gurkis und seine Gurkentruppe” heissen können. Den der Bandleader ist die Figur, auf die die meisten wohl gespannt gewartet haben und das wusste auch der Regisseur. Das Casting mit Andreas Schmidt erwies sich so auch als gelungen. Jedoch ist die Figur im Film etwas zu hysterisch angelegt. Zuweilen verkommt Gurki vollends zum Possenreißer, dem die Glaubwürdigkeit des Buches fehlt. Das passt zu meiner Erfahrung, dass “Fleisch ist mein Gemüse” in den tragischen Momenten besser funktioniert, als in den komischen. Im besten Falle erinnert er diesen Szenen an die frühen Realkomödien von Detlev Buck (z.B “Karniggles“, “Wir können auch anders“).
Der Handlungsstrang mit der politisch engagierte Jette (Anna Fischer), mit der Heinz einen zweiten Versuch als Musikduo startet, mag leider auch nicht in den Gesamtkontext passen und führt des Film raus aus dem Provinzumfeld. Das findet allein durch das überzeichnete Ende eine Rechtfertigung. Allerdings wirkt die ganze Episode eher wie ein Fremdkörper im Strunkschen Mikrokosmos.
So bleibt die Erkenntnis, dass der Film seine Stärken in der beklemmend authentischen Schilderung von Heinz Jugend zwischen privaten Unglück und Abliefern auf der Bühne hat. Er weiss dem Gesamtwerk nichts neues hinzuzufügen, macht aber nichts richtig falsch und gefällt mit seiner treffenden Charakterzeichnung. Wer dem Film Werkuntreue vorwirft, hat etwas von den “An der Nordseeküste” Skandierern. Buch ist Buch und Film ist Film — da sind die Regeln anders und man sollte öfter mal was Neues ausprobieren. Ich bin gespannt, wie der Film beim unvorbelasteten Publikum ankommt. Der spezielle Humor von Strunk hat auch auf der Leinwand nichts von dem Masseappeal eines Michael “Bully” Herbig. Aber wenn nur jeder zweite Leser oder Hörer des Romans der Adaption eine Chanche gibt, kann man sie als Erfolg verbuchen.
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