Filmbesprechungen Filmnews

Mein Filmjahr 2008

Mehr noch als in den vergangenen Jahren lag mein Hauptaugenmerk bei der Filmwauswahl auf Retrospektiven und Schliessen von cineastischen Lücken. So lag der Schwerkpunkt (jedes Jahr setzte ich einen neuen) 2008 beim „Film Noir“, von denen ich einiges aufarbeiten konnte. Daneben waren die Kinobesuch im Vergleich eher spärlich gesät. Trotzdem bin ich auf eine überraschen hohe Anzahl an hochwertigen aktuellen Filme gekommen, die ihr euch mittlerweile auch – wie praktische – fast alle schon auf DVD ausleihen könnt. Beim Zusammenstellen habe ich wiklich gemerkt, dass es und gutes Kinojahr war.

I’m a Cyborg but that’s Okay

Ist schon recht lange her, aber die aussergewöhnliche Liebesgechichte noch gut in meinem Gedächtnis. Die Inszenierung war sehr frisch. Park Chan Wook wollte nach der Rache Trilogie um Mr. und Lady Vengeance und Old Boy einen Film drehen, den sich auch seinen Kinder ansehen können. Das ist ihm zum Teil gelungen, denn durch die für westlichen Verhältnisse recht derben Gewaltphantasien der Hauptdarstellerin, sind für Kinderaugen wohl eher weniger geeignet. Aber gerade diese Ausbrüche zeigen den tiefen Psychosegrad des vermeintlichen Cyborgmädchens und umso beeindruckender ist auch die Romanze der beiden Hauptdarsteller. Der Verehrer lässt nichts unversucht, um den Mädchen zu helfen. Und das ist im höchsten Maß romantisch, denn wer will nicht einen Partner, der einem eine lebenslange Garantie geben kann.

Son of Rambow

„Son of Rambow“ bekommt den Titel „Bester Film für Erwachsene mit Kindern in den Hauptrollen“. Er funktioniert bei grösseren Kindern, aber aufgrund des hohen Nostalgiefaktors besonders auch bei Erwachsenen. Kein Film des Jahres hat die Kraft der Phantasie und der Selbstbestimmung so auf den Punkt gebracht, wie der Sohn von Rambow. Nachdem der extrem religiös erzogenen und von jeglichem Medienkonsum ausgeschlossene Will als ersten Film ausgerechnet eine Bootlegkopie von „Rambo“ zu Gesicht bekommt, überschlägt sich seine Vorstellungskraft. Die Szene, in der er nach dem Film nach Hause fährt und um ihn herum in Zeichentrickmanier Bomben einschlagen, ist pure Kinomagie. Ebenso ist die langsam aufblühende Freundschaft mit dem Schulrüpel Lee Carter einer der schönsten Buddiemovies des Jahres.

Juno

Über Ellen Pages Darstellung des schwangeren Teenagers Juno wurde seinerzeit viel geschrieben und sie wurde meiner Meinung nach zu Recht für den Oscar nominiert. Wie leicht wäre eine andere Schauspielerin in die unglaubwürdige One Liner Zitierfalle gestolpert. Doch das ganze Ensemble mit Page an der Spitze hat dem Film trotz (oder gerade wegen) der bis ins letzte geschliffenen Dialoge viel Herz gegeben und hat einen glaubwürdigen Storybogen, der nicht immer den leichten Weg geht.

Snow Angels

Snow Angels hat trotz des extremen Genreunterschiedes etwas mit Juno gemein: Olivia Thirlby, die in Juno schon sehr gut war, aber als beste Freundin von Ellen Page etwas in deren Schatten stand. In diesem Film ist ihre Highschool Romanze der einzig helle Punkt und sie strahlt auch wirklich. Ansonsten ist der Film, der die Ereignisse in einer amerikanischen Kleinstadt aufrollt, die zu zwei Gewehrschüssen führen, äüßerst dunkel. Besonders hervor heben möchte ich noch Sam Rockwell als labilen Ex-Mann von Kate Beckinsale. Er zeigt hier eine preisverdächte Leistung. Würde man einen Vergleich für den Film suchen, stünde er atmosphärisch zwischen „Little Children“ und „The Sweet Hereafter„.

No Country for Old Men

Im Handumdrehen hat sich Javier Bardem als Anton Chigurh in die Ruhmeshalle der Filmbösewichter gespielt. Wie prägnant und einflussreich seine Darstellung war, hat man an der Anzahl der Parodien bemerkt, die gleichtzeitig zum Film wie Pilze aus dem Boden sprießen. Ein Film so trocken und „tight“, wie die Landschaft, in der er Spielt. Ein Schlag ins Gesicht, was Storykonventionen und Charakterentwicklung betrifft und gerade deshalb so furchtsam real. Die gewohnt hochqualitative Coen’sche Arbeit an Kamera und Schnitt runden das ansonsten rauhe Erlebnis ab.

El Orfanato (Das Waisenhaus)

Die besten Beiträge des Horrorgenres kommen in letzter Zeit aus Spanien. Zwei haben es in meine Liste geschafft. Das Waisenhaus ist ein bedrückender Horrorfilm, den ich aber eher den als klassichen Gruselfilm bezeichnen möchte. Wie so häufig in dem Genre, basiert die Geschichte um das Waisenhaus, welches den Sohn der neuen Besitzerin verschwinden lässt, auf einem tragischen Vorfall. Ganz besonders möchte ich hier, wie auch beim folgenden Film, die Tonarbeit hervorheben, die bezeichnenderweise vom selben Sound Designer kommt. Denn die Wirkung von wohldosierten Soundeffekten sollte man bei einem Horrorfilm nich unterschätzen.

[rec]

Funktioniert mit seiner einfachen Geschichte, dem vorher schon erwähnten Sound dieses Jahr als Pseudodoku mit Handheld Kamera am Besten. Gerade im Kino, wo man den Schreckensmomenten nicht entkommen kann, entwickelt [rec] seine volle Wirkung.

In Bruges

Ich prophezeie „In Bruges“ auf DVD das lange Leben eines Sleeperhits. Als Profikiller mit Gewissensbissen ist Colin Farell einmal perfekt besetzt und konnte diese hier besser vermitteln als im drögen „Cassandra’s Dream“ von Woody Allen. Ergänzt wird das grundverschiedene Killerduo von dem wunderbaren Brandon Gleeson. Ihre Chemie macht jeden Aspekt des Films unterhaltsam. Sei es nun die unterschiedlich Auffassung von Urlaub im mittelalterlichen Brügge, gemeinsame Drogenexesse oder die Konfronation mit ihrem Auftraggeber Ralph Fiennes.

Happy Go Lucky

Der Preis für das beste ungleiche Paar geht allerdings an Sally Hawkins und Eddie Marsan als Poppy und Fahrschullehrer Scott. Die Fahrstunden bilden in „Happy-Go-Lucky“ das Herzstück des Films und teilen auch den ansonsten recht episodisch kontruierten Film. Poppy Optimismus, mit dem sie durch ihr Leben geht hat nicht von einem tieferen Zweck und scheint eher genetisch bedingt. Dabei schafft es der Film aber, unter der scheinbaren naiven Oberfläche, sensitive Tiefe aufzudecken. In einer Szene mit einem Obdachlosen wird dies am deutlichsten. Allerdings hätte es meiner Meinung nach dieses Treffens nicht bedarft, da er sich doch stark von der Subtilität der anderen Charaktermomente unterscheidet.

Låt den rätte komma in

Spät im Jahr habe Låt den rätte komma in“ gesehen, der in Deutschland zu Weihnachten unter dem Namen „So Finster die Nacht“ in die Kinos kommt. Hier trifft für mich der seltene Fall zu, daß alle Vorschußlorbeeren, die der Film einheimsen konnte, gerechtfertigt waren. Ich halte das Werk des schwedischen Regisseurs Tomas Alfredson für eine kleine Offenbarung für das Vampirgenre. Da ich den Roman, der dem Film zu Grunde liegt, nicht kenne, beziehe ich mich nicht auf die Werktreue der Adaption. Aber was wirklich herausragt, ist die junge Hauptdarstellerin. Ihrem ambivalenten Spiel ist es zu verdanken, dass der Film solch einen Eindruck hinterlässt. Selbst jetzt beim Schreiben dieser Zeilen bekomme ich Gänsehaut, wenn ich die Einführung ihres Charakters denke.

WALL·E

Das müssen erst Robtor kommen, damit mich Pixar mal wieder richtig überzeugt. Im letzten Jahr habe ich „Ratatouille“ recht schnell wieder vergessen, doch der kleine WALL·E wird wohl einen Platz in meinem Herzen neben vielen anderen unvergesslichen Filmikonen bekommen. Neben der visuellen Umsetzung, die gewohntes Pixar Niveau hatten, muss unbedingt die Soundarbeit von Ben Burtt hervor gehoben werden, ohne dessen Mitarbeit das Ergebnis nur halb zu unterhaltsam geworden wäre — ta-da.

Schmetterling und Taucherglocke

Vielleicht braucht es wirklich einen Künstler wie Julien Schnabel, um den Erfahrungsbericht des bis auf das linke Augenlid gelähmte Jean-Dominique Baubys kongenial auf die Leinwand zu bringen. Wie Bauby im Buch findet auch Schnabel ein Mittel, um den Zuschauer in den Kopf des am „Locked In Syndrom“ leidenden Protagonisten zu bringen. Gut eine halbe Stunde sehen wir die Geschehnisse des Films aus den Augen Baubys. Erst als er sich selber sieht, verlasst Schnabel die Erste Person Kamera und wechselt so auch ein wenig die Erzählebene. Dem Regisseur ist es gelungen, den Humor und die Selbstverständlichkeit des Romans auf seinen Film zu übetragen. Voller Hoffnung wird dieses schwere Thema angegangen und bleibt dabei immer sehr persönlich

Dead Set

Lief auf E4 als TV-Serie, ist aber mittlerweile auch als DVD zu bekommen. Es sind wieder die Briten, die diesmal zeigen wie man einen ernsten und vielschichtigen Zombiefilm dreht. Grundlegend verfolgt der Film das klassische Verteidigungsthema, nur sind die Protagonisten orginellerweise am Set der Realitysendung „Big Brother“ eingeschlossen. „Dead Set“ spielt die Klaviatur des Genres mit Bravour: Von der Mischung der Charakter, über deren Entwicklung bis zur Medienkritik und den unvermeintlichen Gore Effekten, die so noch nicht im Fernsehen zu sehen waren — alles hat seinen Platz.

Sehenswerte Überraschungen
All the Boys love Mandy Lane
Fighter
Forgetting Sarah Marshall
The Mist
Yella
Die Unbekannte
The Dark Knight
Iron Man

Wahrscheinlicher bester Film, den ich nicht gesehen habe
There Will be Blood (warum eigentlich noch nicht?)

Grösste Enttäuschungen
Quantum of Solace
Mother of Tears
Hancock
The Happening

Grösster Stinker
Day of the Dead (Remake)
The Day the Earth Stood Still (huch, noch ein Remake)

Grösste Vorfreude für 2009
The Wrestler
Slumdog Millionaire
The Curious Case of Benjamin Button
Zack and Miri Make a Porno

5 Comments

  • 30. Dezember 2008 - 18:24 | Permalink

    Ich möchte ja nicht kleinlich erscheinen, aber Dead Set lief auf E4 und nicht auf BBC (was die ganze Britisches-TV-Maschinerie noch schlimmer macht: Die haben nicht nur den besten staatlichen Sender, die haben auh noch andere Sender, die gute Sachen machen…).

    Danke für die Liste – sind ein paar Filme drauf, die ich noch nicht kenne :).

  • 30. Dezember 2008 - 18:27 | Permalink

    @Andi – das ist natürlich nicht kleinlich, sondern richtig. Danke für den Hinweis.

  • Kai
    31. Dezember 2008 - 10:09 | Permalink

    Danke!

  • 31. Dezember 2008 - 11:08 | Permalink

    Ich bin ja begeistert von «There Will Be Blood». Da er allerdings in der Kategorie «Wahrscheinlicher bester Film, den ich nicht gesehen habe» auftaucht, wage ich zu bezweifeln, dass er die Erwartungen (ganz) erfüllen kann. 🙂

  • 10. Januar 2009 - 09:22 | Permalink

    Ich hab „In Bruges“ ja erst mit gewaltiger Verspätung im Dezember gesehen und bin immer noch sowas von begeistert. Wenn Brendon Gleeson und das Drehbuch bei den Oscars leer ausgehen sollten, werde ich der Academy dieses mal wirklich ernsthaft persönlich böse sein.

    „Benjamin Button“ krankt für mich wieder an der Fincher-Krankheit: „Guckt mal, was ich alles kann“. „Zack & Miri“ ist hingegen ein grosser Spass, auf den du dich wirklich freuen darfst.

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