Filmbesprechungen

The Wrestler

thewrestler_mickey

Hinweis:
Ich habe diese einen Monat alte Besprechung wieder nach vorne geholt, da der Film jetzt regulär anläuft.

Aufmerksamen Lesern wird es nicht entgangen sein: Ich habe „The Wrestler“ von Darren Aronofsky und mit Mickey Rourke schon seit langer Zeit verfolgt. In der Zwischenzeit konnte ich ihn schon zweimal sehen und versuche das Gesehene in Worte zu fassen. Dabei versuche ich weitestgehend spoilerfrei zu bleiben, habe aber beim Schreiben gemerkt, dass der Text so sehr ins Detail geht, dass er den meisten Sinn nach der Sichtung ergibt (.. und ich bitte derweil auch, die Tippfehler zu entschuldigen).

Fleisch — das ist die einzige Konstante in Randy „The Ram“ Robinsons Leben. In den späten 80ern war er ein gefeierter Wrestlingstar und trug selbiges vor zehntausenden von Zuschauern zur Schau. Doch der Ruhm der vergangenen Tage 0hält nicht ewig. So verdingt er sich sein Tagwerk mit lokalen Matches, sowie Autogrammstunden am Wochenende und Gelegenheitsarbeit im Großmarkt. Seine Karriere im Supermarkt gipfelt ironischerweise als Bedienung an der Fleischtheke. Im Gespräch mit seiner entfremdeten Tochter bezeichnet er sich selbst als „old broken down piece of meat“. Seine zweite private Konstante ist die Stripperin Cassidy. Sie plant den Ausstieg aus ihrem Beruf, um ihrem Sohn ein besseres Leben in einer neuen Umgebung zu bieten. Randy selbst scheint jedoch in seinem billigen Bungalow stecken zu bleiben. Der dumpfe Fluß seines Lebens nimmt ein Ende, als er aus gesundheitlichen Gründen gezwungen wird, mit dem Extremsport aufzuhören. Doch die Neuausrichtung der Gewohnheiten zwischen Familienannäherung und Berufsalternativen stellt sich schwerer als erwartet dar.

Nicolas Cage (der zusammen mit Rourke in „Rumble Fish“ spielte) war schon in Vertragsverhandlungen für die Hauptrollle, bis Regisseur Darren Aronofsky zu Verstehen gab, daß er Rourke für die Hauptrolle wollte. Cage zog sich freiwillig aus den Rennen um den Part zurück und so konnte Mickey in die Rolle seines Lebens schlüpfen.

Und wahrhaftig, er haucht „The Ram“ nicht nur Leben ein — er ist „The Ram“. Die Parallelen der Karriere im Film und die von Rourkes eigener Berufslaufbahn sind offensichtlich. Einst gefeiert als Sex Symbol der 80er wurde er durch sein James Dean ähnliches Charisma zu einem der vielversprechensten Schauspieler seiner Generation. Und das auch nur, weil er seine Profiboxerlaufbahn aufgrund einer Verletzung abbrechen musste. Zu dieser kehrte er nach einige Flops in den 90ern aber wieder zurück und wandte dem Film den Rücken zu. Der sportlichen Erfolg wollte sich aber nicht einstellen und Rourke wagte den Schritt zurück vor die Kamera. Nur war er jetzt gezeichnet von Drogen- und Alkoholmissbrauch. Nach mehreren kleinen Comebacks, wie in „Sin City„, „Domino“ oder „Spun“ ist „The Wrestler“ der erste Film, den Rourke wieder allein trägt, wie zu besten „Angel Heart“ Zeiten.

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Der Film verzichtet auf Hochglanzbilder der Karriere von „The Ram“ und lässt diese nur als Audioclips und Pressematerial im Vorspann erscheinen. Diese extatischen Momente werden jäh durch einen „20 Jahre später“ Schnitt beendet, nach dem Rourke in einem Hinterzimmereiner Mehrzweckhalle sitzt, das sonst für die Kinderbetreuung genutzt wird. Das verstärkt den Eindruck das besonders die 90er Jahre eine verlorenes Jahrzehnt für den Sportler waren, was auch bei der „Date Szene“ mit der Stipperin anhand der Musikvorlieben verdeutlich wird. Der Glamrock der 80er ist Randys Domäne und in der Bergründung, weshalb er Nirvana nicht ausstehen kann, sagt viel über seinen Charakter aus: „What’s wrong with having a good time?“.

Die Szenen, die mich sehr nachdenklich gestimmt haben, waren die Backstageszenen der Wrestlingveranstaltungen. Dort herrschte eine große Brüderlichkeit und die Fehden für den Ringe werden hier in kurzen Gesprächengeplant. Was ich aber meine, sind die Szenen mit den Nachwuchssportlenr. Es ist offenkundig, daß sie vor Randy eine Menge Respekt haben, doch mutet es sehr tragisch an, wenn er in seinem improvisierten Umkleideraum den jungen Sportler Zukunfttipps gibt, repräsentiert doch seine Zustand eine Art Zukunftsaussicht für den Beruf.

Die Dekonstruktion des Menschen Randy beginnt dem erzwungenen Rückzuck aus dem Wrestlinggeschäft. Sein Platz im Leben wurde ihm genommen und es fällt ihm schwer die neue Rolle als „Privatmensch“ und ordentlicher Vollzeitarbeiter zu erfüllen. Seine Bemühungen sind ehrlich und haben auch erste Erfolge. Er schafft es, verlorenes Vertrauen seiner Tochter zurück zu gewinnen. Ein wenig Showbusines erleichtert ihm auch die Arbeit an der Feinkosttheke. Als er den Groove in der Interaktion mit den Kunden findet, funkt wieder die Lebensfreude aus, die er sonst nur im Ring ausgestrahlt hat. Dementsprechend filmt Aronofsky auch seinen ersten Arbeitstag wie einen Gang zum Ring. Dabei verharrt die Kamera auf Rücken von Rourke, ein Mittel das der Regisseur im Laufe des Films häufig benutzt. Aronfsky selbst sagte, das kaum ein Darsteller so mit dem Rücken schauspielern kann, wie Rourke. Auf diese Art und Weise bekommt „The Ram“ auch einen sehr suspensevollen ersten Auftritt. Nach den Bildern aus erfolgreichen Tagen im Vorspann verweilt die Kamera einige Minuten hinter Rourke, bevor schließlich sein Gesicht gezeigt und führt den mehr oder weniger gefallenen Helden effektvoll ein.

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Oben hatte ich schon Marisa Tomei als Gegenentwurf in einem ähnlichen Beruf wie der Hauptdarsteller angedeutet. Als Stripperin stellt auch sie ihren Körper zur Schau. Doch trennt sie strickt zwischen Bühne und Privatleben. Genau das macht die Beziehung zu „The Ram“ so schwer. Besteht Tomei daruf ausserhalb des Clubs mit „Pam“ und nicht ihrem Bühnennahmen „Cassidy“ angesprochen zu werden, stellt Randy bei jeder Gelegenheit klar, dass er nicht Mr. Ramsinsky oder gar „Robin“ (sein Geburtsname) ist. Für ihn gibt es kein Trennlinie, er wirkt verloren ausserhalb des Rings. Bezeichnenderweise nennt er diesen auch „out there“, was einen Hauch von Freiheit und Selbsterfüllung mitschwingen lässt und das Gefängnis seines Lebens verdeutlicht.

Ich habe lange über die Rolle der Tochter nachgedacht und ein wenig kam sie mir bei der ersten Sichtung als das Element vor, das am wenigsten relevant für die Geschichte ist. Doch ist mir beim zweiten Mal aufgefallen, daß eigentlich genau das Gegenteil der Fall ist. Man könnte die Beziehung der beiden sogar auf eine Metaebene bringen: Das Verhältnis des Publikums zu Mickey Rourke ähnelt dem von Evan Rachel Wood zu ihrem Filmvater. Nach den gefeierten Filmen zu Beginn seiner Karriere, folgte der Abstieg zur Durchschnittsware, bis er vom Radar verschwand und seine akutellen Arbeiten nur noch eingeweihten bekannt war. Ganz so, wie es sich mit den Wrestlingfans in dem Film verhält.

Wenn man bedenkt, daß Aronosfky zuvor Filme wie „Requiem for a Dream“ oder „The Fountain“ gedreht hat, die sehr stark auf Montagetechniken und mehrere Erzählebenen vertrauten, ist es erstaunlich, wie „gritty“ (mir fällt kein gutes deutsches Wort ein) und natürlich „The Wrestler“ geworden ist. Die Ausstattung und das Skript stehen der Inszenierung in nichts nach. Ein „Vampire Weekend“ Poster an der Wand der Tochter, die Fachsimpelei eines Jungen über „Call of Duty 4“ oder die sehr schmerzhaft inszenierten Wrestlingmachtes, die Rourke allesamt selbst bestreitet, runden das realistische Gesamtbild ab, das einem zu keinem Zeitpunkt aus den Film reisst.

„The Wrestler“ ist das ehrlichste Sportlerportrait seit „Raging Bull„, denn bevor man sich vollends dem Mitleid mit Randy hingibt, sind es die vielen menschlichen Schwächen und Fehler, die nicht nur ein „gefallener Held“ Bild zeichnen. Seine Unfähigkeit, zwischen Ring und Realität zu unterscheiden, ist das das Kreuz das er tragen muss. Dieses Kreuz wird auch zwei Jesusanspielungen deutlich, einmal lustig, das andere mal auf tragische Art.

Wie perfekt der Film endet, wurde mir auch beim wiederholten Sehen klar. Obwohl ich das Ausgehen kannte, war meine Anspannung noch grösser als beim ersten Mal. Wer beim Abspann bei Bruce Springsteens Song nicht mit den Tränen ringt, dem wurde das Gefühl aus dem Herz geprügelt.

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[imdb]1125849[/imdb]

10 Comments

  • 29. Januar 2009 - 11:59 | Permalink

    Zusammengezogener Magen und Reißen in der Brust. Angespannter habe ich Filme höchstens als Kind erlebt.

  • 29. Januar 2009 - 12:45 | Permalink

    @Philipp – Und ich habe immer noch nicht das Gefühl, alles über den Film gesagt zu haben.

  • 29. Januar 2009 - 13:51 | Permalink

    Hast du den Artikel also doch noch geschafft, bevor er dich schafft? Hat sich gelohnt.

  • 29. Januar 2009 - 14:43 | Permalink

    @el-flojo – ja, aber der lag wirklich seit dem tag nach der Vorstellung mit Stichworten übersät bei den Entwürfen. Musste sogar einige Punkte kürzen.

  • 30. Januar 2009 - 14:58 | Permalink

    @Peter – Ich werde schleunigst zusehen, dass ich den auch noch mal ein zweites Mal sehe. Werde da aber wohl bis zum offiziellen Release warten müssen. Andererseits ist das vielleicht aber auch ganz gut so, um noch mal etwas Abstand zu bekommen.

  • 30. Januar 2009 - 16:29 | Permalink

    Ich bin jetzt nur über den Artikel geflogen, weil ich mir den Film ohne Vorwissen ansehen will. Naja, aber ich lese ihn nachher. Einige Absätze interessieren mich schon, aber ich will ihn nicht lesen. Hmpf!

  • 27. Februar 2009 - 00:44 | Permalink

    „Wer beim Abspann bei Bruce Springsteens Song nicht mit den Tränen ringt, dem wurde das Gefühl aus dem Herz geprügelt.“

    sowas ähnliches musste ich neulich bei spon auch über b. button lesen. ich weiß aber: hier werde ich nicht enttäuscht!

    freu mich wie bolle auf the wrestler, unglaublich!

  • 11. März 2009 - 01:27 | Permalink

    habe ihn gesehen. ein guter film. aber irgendwas packt mich da nicht. aronofsky inszeniert mir den rourke hier zu sehr. gerade diese rücken-passagen zu beginn. doof und gewollt in meinen augen.

    gran torino. das ist wirklich groß!

  • 11. März 2009 - 14:40 | Permalink

    @meistermochi – Was beiden Filmen sicher gemein ist, daß sie ohne die jeweiligen Hauptdarsteller nicht funktionieren würden bzw. nicht vorstellbar sind. Wo „Gran Torino“ eine gesellschaftliche Botschaft anhand des Charakters von Walt vermittelt, konnte ich bei „The Wrestler“ tief in die Psyche von „The Ram“ eintauchen. Das hier keine klassische „Rise and Fall … and rise again“ Geschichte erzählt wird ist der einzige konsequente Weg für den Film. Die Lebensunfähigkeit bedingt durch seinen aussergwönlichen Berufs, bei dem eine Zukunft auf lange Sicht nicht gerade rosig aussieht, ging mir sehr zu Herzen.

    Eastwoods Walt ist ein ähnlich ikonischer Charakter, den wirklich in dem Alter nur eir spielen kann. Die inneren Dämonen und die Botschaft, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern waren wunderbar gespielt. Ihm hätte ich auch sehr eine Nominierung als Hauptdarsteller gegönnt.

    Beide Film sind gross, für mich war „The Wrestler“ der etwas rundere Film.

  • 13. März 2009 - 02:14 | Permalink

    ich glaube ich muss nochmal rein. in beide.

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