Filmbesprechungen

District 9

District 9

Die Lage ist ernst in Johannesburg. Vor 20 Jahren kam ein riesiges Raumschiff über der Stadt in Südafrika zum Stillstand und bedeutet so den ersten Kontakt der Menschheit mit einer außerirdischen Lebensform. Jedoch fand man im Bauch des Schiffes weder Botschafter einer fremden Rasse, die in einer friedlichen Misson zur Erde unterwegs waren, noch den Vorboten einer Invasion. Vielmehr schien es sich um einen ungeplanten Halt auf der Erde zu handeln und die Mannschaft bestand aus einer großen Gruppe ausgehungeter Arbeiter – das nimmt zumindest die Regierung an.

Der exklusive außerirdische Kontakt hat Johannesburg von heute auf morgen an die Spitze der Weltinteressen katapultiert. In einer groß angelegten Aktion wurden die Aliens, abfällig „Schrimps“ (OF: „Prawns“) genannt, in einem eigens eingerichteten Bezirk namens „District 9“ untergebracht, der sich im Laufe der Zeit zu einem Slum entwickeltet. Mit der Zeit kam es zu Konflikten und Vorurteilen zwischen Mensch und Alien und die ansässigen Gangsterbanden machten sich den unerklärlichen und unstillbaren Hunger nach Katzenfutter zu Nutze, um an die hochentwickelten Alienwaffen zu kommen. Damit die Lage nicht eskaliert, plant die Behören für außerirdische Angelegenheiten eine Räumung des District 9 und alle Insassen in den abgelegen, provisorisch wirkenden „District 10“ umzusiedeln. Vordergründig scheint dies im Interesse der Aliens zu geschehen, dahinter steckt jedoch ein ganz anderer Plan.

Es fällt schwer, den Film adäquat zu besprechen, ohne Spoiler zu benutzen, doch will ich das in meiner Besprechung versuchen. Denn auch die großangelegte Viralkampagne, die den Film schon lange vor dem Kinostart begleitete und auch die Trailer deuteten nur an, worum es im Film gehen sollte. Diesen cleveren Schachzug wünscht man sich von allen Blockbustern. Bei „District 9“ ergänzen sich Werbung, Vorschau und Film sogar noch besser, als es seinerzeit bei „Cloverfield“ der Fall war. Dessen Spannung in der Vorberichterstattung ergabe sich hauptsächlich nur aus Verheimlichung. Hier fühlte ich fühlte mich gut vorbereitet auf den Kinobesuch, ohne, wie sich rausstellte, das Gefühl zu haben, schon alles gesehen zu haben.

Um die Grundsituation in Südafrika zu beschreiben, bedient sich der in diesem Land geborene Regisseur Neill Blomkamp ausschließlich dokumentarischen Materials. Die erste halbe Stunde des Films etabliert auf diese Art und Weise eine glaubwürdige Welt und setzt so die Rahmenbedinungen, um später diese für einen authentischen Actionfilm zu nutzen. Was man dann in den letzten 45 Minuten tatsächlich sieht, ist konventioneller, als man vielleicht erwartet hat. So ähnelt es dann auch einer cineastischen Schnitzeljagd, wenn man sich auf Such nach Einflüssen von Ridley Scott, David Cronenberg und John Carpenter macht. Gerade Cronenbergs früher Body Horror findet hier eine gelungene Wiedergeburt, wohingegen Ridley Scotts Einfluss in den Actionszenen zu spüren ist. Aber auch in den kleinen ruhigen Momenten spielt der Film seine Stärken aus. Ein kurzer Moment des Zögerns der Protagonisten, bevor er ein körperliches Opfer bringen will, lässt dem Publikum durch die vorherige Exposition der Situation den Atem anhalten. Die Bindung, die man mit dem Hauptdarsteller aufbaut, ist geschickt konstruiert. Zunächst wirkt er nicht besonders sympathisch und erledigt seine Sache pflichtbewusst und mit einem etwas zu hohem Maß an Freude. Wie er dann Opfer der Umstände wird und sich so vom Saulus vom Paulus verwandelt, wird in intensiven Bildern und Szenen gezeigt, in das Mitgefühl nahezu körperlich spürbar wird.

District 9

Doch wie angedeutet kann sich „District 9“ nicht von einigen Klischees des Actiongenres freispreichen. Eine böse Firma geht mit ihren Wissenschaftsteam über Leichen und einige markige Sprüche kann sich der Hauptdarsteller am Ende auch nicht verkneifen. Aber es sei ihm gegönnt. Denn was Blomkamp hier mit einem vergleichsweise geringem Budget von 30 Millionen Dollar abfeuert, lässt die Schnittorgien von Bay und Konsorten, die gerne das 5-10 Fache an Geld verpulvern, alt aussehen. Blomkamp hält drauf, wenn es zur Sache geht. Er verfeinert seinen visuellen Stil, den er schon mit seiner Trilogie von Kurzfilme für die Promotion des Videospiels „Halo 3“ zelebriert hat. Das bedeutet im Klartext: Auch in seinen Actionszenen wirkt er dokumentarisch, fast wie eine Kriegsberichterstattung. Es bedarf wohl eines Produzunten wie Peter Jackson, der an Blomkamp fest hielt, nachdem das Halo Filmprojekt abgesagt wurde. Jackson scheint dem Regisseur alle kreative Freiheit gelassen zu haben, um die Vision aus seinem Kurzfilm „Alive in Joburg“ (siehe unten) zu verfeinern.

Die Botschaft der Geschichte wird forciert, indem sie an unsere Empathie appelliert. Denn auch die Aliens lieben ihre Kinder. Das klingt konventionell und ist sicher der einfachste Weg, um Xenophobie anzuprangern. In dem Zusammenhang tappt Blomkamp jedoch nicht in die Jar-Jar Falle. Denn im Gegensatz zu dem nervigen Gungan aus „Star Wars“, ist das Alienkind als Comic Relief äußerst gelungen und wohl dosiert eingesetzt. Auch schlägt Blomkamp den richtigen Weg ein, indem er die Sozialkritik nicht über die gesamte Länge ausbreitet und dabei dem Dokumaterial treu bleibt. Schon zu Beginn setzt er die Einspieler nicht-chronologisch ein, um bevorstehende Dinge anzudeuten. Dramaturgisch sind sie also später nicht mehr nötig und bauen an dieser Steller mehr Spannung auf. Sobald die Geschichte persönlich wird, wechselt der Film in konventionelle Erzähltechniken, obwohl das zu Sehende im Rahmen des Films schon geschehen ist. Wie stark aber das Erlebte mit dem von diversen „Talking Heads“ geschilderten abweicht, zeigt auch auf, wie stark dokumentarisches Material manipulierbar ist. Als allwissender Zuschauer haben wir den Luxus, sowohl die Berichterstattung, als auch das direkt Erlebte zu erfahren – ein interessantes Wechselspiel.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten weckt „District 9“ Hoffnung für das Blockbusterkino. Der Film ist kein Remake, Se- oder Prequel, basiert er doch auf einer eigenständigen Idee. Die Alien Integration verhält sich hier weitaus schwieriger, aber auch nachvollziehbarer als in anderen Verfilmungen mit diesem Thema, wie „Alien Nation“ oder „V„. Auch nach dem Ende des Films ranken sich noch einige Geheimnise um den District 9, so daß eine weiterer Film vor allem nach dem Box Office Erfolg, wahrscheinlich erscheint. Ob es sich dann um ein Prequel oder Sequel handelt, steht noch in den Sternen. Leider wird dieses, sofern die Erzählttechnik nicht geändert wird, nicht mehr so frisch wirken wie „District 9“.

Trailer
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„Alive in Joburg“, die Vorlage für „District 9“

[imdb]1136608[/imdb]

3 Comments

  • MacMS
    21. September 2009 - 20:14 | Permalink

    Schöne Kritik und tatsächlich für mein Empfinden spoilerfrei.
    Ich kann im grossen und Ganzen nur zustimmen und auch auf die Gefahr hin das ein Nachfolgetitel deutlich mehr Popcornanteile haben wird freue ich mich aufgrund der frischen und recht „realistischen“ Darstellung der Aliens auf weitere Berichte aus Südafrika.

  • 26. September 2009 - 10:51 | Permalink

    was mir gut gefällt, ist wieder dieser theoriekram über erstkontakt usw.

    was passiert, wenn der typ wiederkommt?

    ist es gewollt, dass alle mutieren?

    usw.

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