Filmbesprechungen

Orphan – Das Waisenkind

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Kinder, Kinder – was ist nur letzter Zeit mit euch los? So viel Boshaftigkeit wie in diesem Jahr hat es schon lange nicht mehr im Kino gegeben. „The Children“, „Case 39“ oder dem „It’s Alive“ Remake sind nur die Spitze des Eisbergs. Sie stehen in der langen Tradition von Filmen, in denen in unschuldigen Kinderaugen das Böse funkelt. So gebar diese Gattung des Horrors einige unvergessliche Klassiker wie „The Exorcist“, „The Omen“, „Village of the Damned“ oder jüngst „Låt den rätte komma in„ („So finster die Nacht“), aber auch unterhaltsamen Trash Marke „Spider Baby or, The Maddest Story Ever Told“. Esther, der Nachwuchs aus „Orphan – Das Waisenkind“, ist zwar keine zweite Regan („The Exorcist“, doch kann man sie getrost als Siegerin um die Krone des fiesesten Nachwuchs 2009 küren.

Gleich zu Beginn wird man in schockierenden Bildern mit dem schweren Schicksalsschlag des Ehepaares Kate und John Coleman konfrontiert. Das dritte Kind der beiden starb kurz vor der Entbindung im Mutterleib, was zur Folge hatte, dass Kate keine Kinder mehr austragen kann. Die folgenden Depressionen trieben sie in die Alkoholabhängigkeit, die darin gipfelte, dass eines der Kinder dadurch in Lebensgefahr geriet. Dieser Schock markierte den Wendepunkt und so ist Kate seit einem Jahr trocken. Um aus der Situation etwas gutes zu gewinnen und die nach ihren Worten immer noch vorhandene Liebe für ihre verstorbene Tochter jemandem zu geben, der sie benötigt, entschließt sich das Paar zu einer Adoption. In einem Waisenhaus für Mädchen finden sie die 9 jährige Esther. Schnell spüren die Eltern eine Verbindung mit dem intelligenten Kind. Dass sie sich scheinbar nicht für die anderen Waisen interessiert, deuten die Eltern als Zeichen der Individualität, die sich auch in dem konservativem Kleidungsstil von Esther niederschlägt.

Was nach dem Heimkommen mit Esther passiert, bewegt sich souverän auf ausgetretenen Genrepfaden. Hat man „The Good Son“, der seinerzeit als Imagewandel für Macaulay Culkin dienen sollte, gesehen, weiß man zumindest oberflächlich, worauf man sich einstellen kann. Die gewaltsamen Anwandlungen von Esther spitzen sich zu und die 5 jährige taubstumme Max wird zur Mittäterschaft gezwungen. Gerade dieses Verhältnis zwischen den Adoptivschwestern macht einen großen Reiz des Films aus. Beide Darstellerinnen sind hervorragend gecastet worden. Isabelle Fuhrman kann mit ihren zu Dreharbeiten 11 Jahren die komplette Bandbreite zeigen. Von der Traumtochter bis zum diabolischen Täter überzeugt sie in allen belangen. Selbst den zur Rollen gehörigen russischen Akzent hat sie sich, soweit ich das beurteilen kann, bravorös angeeignet. Vergleichbar ist ihre Leistung mit der von Lina Leandersson in „Låt den rätte komma in„. Nach diesem Film wünschte ich, Fuhrman hätte die Rolle im US Remake übernommen. Jedoch ging der Part an Chloe Moretz. Dem steht die wirklich zuckersüße Max, gespielt von Aryana Engineer gegenüber, die gerade in den grausamen Momenten mit einem einnehmendem Mienenspiel überzeugt.

Vera Farmiga überzeugt mit einer facettenreichen Vorstellung als Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Die traumatischen Ereignisse in der Vergangenheit der Familien rissen Wunden auf, in die Esther mit ihren perfiden Plänen Salz hineinstreut. Etwas blasser bleibt Peter Sarsgaard als zweifelnder Ehemann. Seine Entwicklung im Laufe des Films blieb für mich nicht immer nachvollziehbar. Einige dunkle Flecken in der Vergangenheit mögen als Auslöser dienen, doch überzeugt haben einige seiner Reaktionen nicht. Noch Unscheinbarer, sowohl darstellerisch, als auch im Familiengefüge bleibt auch der Sohn der Familie, der als ungewollter Mitwisser zwischen Esther und den Eltern steht.

Gleich mit der Exposition von Esther offenbart sich „Orphan“ als Film mit einem Twist und legt im Laufe der Handlung auch immer einige Hinweise aufblitzen. Was die Auflösung ist, sei hier natürlich nicht verraten, doch soviel sei gesagt. Hat man sie erstmal geschluckt, wird von den Darstellern sehr gut verkauft und mündet in einem nicht zimperlichen Finale.

Ein Stilmittel des Genres, das in „Orphan“ inflationär benutzt wird, ist die Idee, Spannungsmomente mit einem Antiklimax zu versehen. Die Anwendung überschreitet gerade den Maß des Erträglichen und verliert daher an Wirkung. Zum Glück besinnen sich die Filmemacher im dritten Akt davon Abstand zu halten. Die Intention war sicher, den schleichenden Schrecken zu vermitteln, doch stellt sich eher der Effekt ein, dass man durch die Wiederholung aus der Handlung gezogen wird. Gerade weil der Film viel Wert auf die labile Psyche der Mutter legt, die das häufigste „Opfer“ dieser Szenen ist, finde ich es bedauerlich, wenn man dadurch die Nähe zu ihr verliert.

„Orphan“ gibt nicht vor, etwas anderes zu sein, als etwas was im Rahmen des Horror Genres gang und gäbe ist. Zeitweise wirkt er dadurch allerdings etwas altmodisch und erinnerte an die vielen „Fremder in meinem Haus“ (z.B. „Unlawful Entry“, „Sleeping with the Enemy“ oder „The Hand That Rocks the Cradle“) Thriller der 90er Jahre, bei denen ich froh war, dass sie so gut wie ausgestorben sind. Hätte man nicht so viel Wert auf das Casting gelegt, wäre „Orphan“ sicher schnell im Mittelmaß versunken. Angenehm in Erinnerungen wirkt hingegen die angedeuteten Charakterzeichnungen. Auf ein Ausbreiten der Ereignisse in der Vergangenheit wird verzichtet und lässt sowohl in Rahmen der Intepretation Raum frei, als auch unnötigen Ballast für den Film zu bedeuten. So gelingt es „Orphan“, die meiste Zeit spannende Unterhaltung zu bieten und greift nur selten auf Effekthascherei zurück.

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[imdb]1148204[/imdb]

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