Filmbesprechungen

Mein Filmjahr 2009

Nun auch von mir – wenn auch etwas verspätet – meine persönlichen Filmhighlights der 2009 erschienenen Filme. Vorab ein paar Kandidaten, zu denen ich mir leider noch keine Meinung bilden konnte, da ich durch einen gesundheitlichen Rückschlag nicht so häufig ins Kino konnte, wie ich gerne wollte: „Antichrist„, „Milk„, „Synecdoche, New York„, „(500) Day of Summer„, „The Hurt Locker„.

Moon
Die beinahe One Man Show von Sam Rockwell in „Moon“, den Regisseur Duncan Jones für ein verhältnismässig geringes Budget inszenierte. Glaubwürdig wurde die Einsamkeit des Astronauten auf dem Mond umgesetzt. Positiv überrascht wurde ich von der Struktur der Geschichte. Sah der Trailer noch nach einem typischen Film mit Twist aus, stellte sich „Moon“ schlußendlich als intelligente Charakterstudie mit einem wirtschaftswissenschatlichkritischen Unterton. Interessant auch wie der scheinbar nicht logisch agierende Computer integriert wurde. „Moon“ erinnert angnehem an den Science Fiction Film der 70er Jahre („Silent Running„, „Phase IV„), in dem häufig noch die Substanz über den Stil siegte.

Gran Torino
War „Unforgiven“ der Abgesang auf seinen „Mann ohne Namen“, ist „Gran Torino“ eine theortische Abrechnung mit dem „Dirty Harry“ Charakter. Clint Eastwood lieferte 2009 zwei wirklich gute Filme ab, doch hat dieser neben „Changeling“ den „Clint Bonus“. Der alte Haudegen spielt Walt Kowalski glaubwürdig mit jeder Pore, jede Großaufnahme ist ein Genuss. Seine Wandlung vom vermeintlichen Fels in der Brandung in der im fremd gewordenen Welt zur Hoffnung der Nachbarschafft ist wirklich zum Steine erweichen. Dazu gesellt sich der unfassbar leicht aussehende Regiestil von Eastwood, der dafür bekannt ist, effizient zu arbeiten (man denke nur an seinen Output in den letzen Jahren) und selten einen zweiten Take braucht. Vielleicht wirken daher ein paar Nebendarsteller etwas unbeholfen in ihren Rollen, schließlich handelte es sich bei den meisten der Hmong Darsteller um nicht ausgebildetet Schauspieler, die auf Wunsch von Eastwood besetzt wurden. Aber das kann den guten Gesamteindruck nicht wirklich trüben und in den besseren Momenten gewinnt der Film dadurch sogar an Authentizität. Eastwood hat angedeutet, daß „Gran Torino“ seine letzte Schauspielarbeit sein könnte. Wenn allerdings ein Skript stimmt, könnte er noch einmal vor die Kamera zurückkehren.

Inglourious Basterds
Tarantino lässt die Leinwand nicht nur sprichwörtlich brennen. Doch nicht nur in seinen lauten Szenen können die „Basterds“ punktenn. Die ersten 20 Minuten, die nur ein Gespräch enthalten, gehören zu den spannendsten des ganzen Jahres. Das schöne daran: Wie sonst gerne bei Tarantino existiert der Dialog nicht nur zum Selbstzweck, sondern führt zu einer überraschenden Auflösung. Christoph Waltz wird nicht ohne Grund allerorts für seine differenzierte Darstellung des Fieslings Hans Landa gelobt und darf sich so über späten internationalen Ruhm freuen. Er ist so stark, daß die „Basterds“ im Vergleich überraschend den uninteressanteren Teil des Films ausmachen. Als Cineast gefiel mich natürlich auch die Kinobesitzerin in ihrem Widerstandskampf, der – wie eingangs schon erwähnt – zu einem der besten Bilder des Films führt.

The Fall
Eine Hommage an die Stummfilmzeit des Kinos, eine Ära, in denen noch galt: „What you see is what you get“. Nach einem Unfall bei Dreharbeiten will ein unglücklich verliebter Stuntman einfach nur noch sterben. Um an die heilbringenden Medikamente zu gelangen, wickelt er ein junges Mädchen mit seinen auschweifenden Erzählungen um den Finger. Die Manifestationen seiner Frustration werden in unglaublichen Bildern erzählt, die denen von Jodorowskys „The Holy Mountain“ in nichts nachstehen, auch wenn sie den Umständen der Geschichte entsprechend weniger drastisch sind. Und neben den Fest für die Sinne bot der Film noch eine der natürlichsten schauspielerischen Leistung, die ich je von einem Kind gesehen habe.

Pontypool
Ein sehr erfrischender Horrorfilm aus Kanada, der eine absurde Idee zumindest in der ersten Hälfte glaubwürdig und konsequent verpackt. Denn die Verweigerung, über weitere Strecken des Films die Bedrohung nicht zu zeigen, sondern nur als Radioübtragung zu beschreiben, erzeugt ein klaustrophopisches Gefühl, das denen der in der Radiostation eingesperrten Protagonisten gleicht. Sobald das Studio überrannt wird, verliert der Film zwar sein Alleinstellungsmerkmal und verstoplert sich etwas in seiner Erklärungsnot. Jedoch hat mich das neugierig auf das Buch zum Film gemacht, in dem die Ursache hoffentlich etwas eleganter erklärt wird.

Anvil! – The Story of Anvil
Die Jungs von der Metalband Anvil versuchen schon seit über 20 Jahren ihrem vielversprechenden Start Anfang der 80er gerecht zu werden. Damals galten sie als eine der größten Hoffnungen des Heavy Metal. Doch das Schicksal meinte es anders. In der Gegenwart verdienen die Bandmitglieder mit Aushilfjobs ihr Geld, haben den Traum vom Durchbruch trotz aller widrigen Umstände nicht aufgegeben. Viel Zeit und auch alles Geld wird in das Comeback gesteckt, das mit ansteckender Leidenchaft verfolgt wird. Zu Beginn reibt man sich die Augen und fragt sich, ob man es hier nicht mit einem zweiten „This is Spinal Tap“ zu tun hat, zumal der Name des Schlagzeugers (Robb Reiner) auf einen Insidergag schließen lässt. Doch das ist das wahre Leben einer der härtest arbeitenden Band im Showbusiness. Die beiden Bandleader sind ein Gespann, wie es sie in vielen großen Bands gibt und von einer Hassliebe geprägt ist: Lennon und McCartney, Richards und Jagger, Page und Plant,
Daltrey und Townshend oder Gallagher und Gallagher. Anvil hat eine Szene, die wirklich unter die Haut geht. Nach einer katastrophalen Europa Tour in leeren Kellerbars wird der Abstecher nach Japan zu einem persönlichen Triumph. Das sind Momente, in denen auch ein Dokumentarfilm cineastisch sein kann.

The House of the Devil
Als Horrorfan war ich sehr gespannt auf den Low Budget Streifen. Die Trailer und das Plakat versprachen einen Retrohorror im Stile der späten 70er ohne jegliche Ironie. Und ich wurde nicht enttäuscht. Setting, Technik und das Filmmaterial lässen die Hochzeit des okkulten Horrors wieder sehr lebendig erscheinen. Doch ahnlich wie der andere Horroreintrag in dieser Liste („Pontypool“) krankt auch „The House of the Devil“ eine wenig an dem im beinahe kathartischen Finale. Doch bekommt man eine höchst spannenden Thriller zu sehen, der nach dem hitchcockschen Suspense Prinzip arbeitet. Wir als Zuschauer wissen, das in dem Haus was faul ist, was der eingeladene Babysitter aufgrund des versprochenen Geldes gerne übersieht. Die Situationen sind gerade so konstruiert, dass es glaubhaft bleibt, weshalb die Protagonistin bis zum bitteren Ende keinen Verdacht schöpft.

Jerichow
Christian Petzold gehört zu meinen Lieblingsregisseuren des nicht nur deutschen zeitgenössischen Kinos. Mit „Jerichow“ hat er meiner Meinung nach sein bestes Werk abgeliefert. Und das sage ich, obwohl ich „Gespenster“ und „Yella“ schon mehr als gelungen fand. Wie schon bei „Yella“ orientiert sich „Jerichow“ im Groben an einen Filmklassiker. Petzolds Variante von „The Postman always rings twice“ hat bei mir verschiedenste Gefühle geweckt. Von Wut, über Verzweiflung, Trauer, Sehnsucht zu Hoffnung, das alles enthält der Film. Über allem schwebt eine Melancholie, die gerade von Nina Hoss und Benno Führmann getragen wird. Wie bei allen Filmen Petzolds, umweht die Handlung auch hier ein geheimnisvoller Hauch. Vielleicht ist „Jerichow“ Petzolds bisher zugänglichster Film, weil hier am ehesten ein konventioneller Spannungsbogen aufgezogen wird und der Film mit einem Knall endet, der bei mir noch lange nachgehallt hat.

The Visitor
Nach jahrelangem Reagieren lernt Wirtschaftsprofessor Walter Vale (Richard Jenkins) in „The Visitor“ endlich wieder das Agieren. Als Mann ohne Eigenschaften, der mit wenig erfolgreichen Klavierstunden die letzte Verbindung zu seiner verstorbenen Frau, einer erfolgreichen Pianistin, herzustellen versucht, wird er durch einen Job in New York aus der Reserve gelockt. Der Film tappt dabei nicht in die Falle, ein Sozialdrama zu werden, sondern bleibt ganz nah am Hauptcharakter. Als sein Leben durch die illegalen Einwanderer hinterfragt und auch berreichert wird, spielt Jenkins diese Wandlung genau mit dem Understatement, die diese Rolle ungedingt verlangt. Die Ansteckung durch die afrikanischen Rhythmen übeträgt sich auf den Zuschauer, der mit „The Visitor“ im Prinzip drei Filme zum Preis von einem bekommt: Ein Feelgoodmovie, ein Sozialstudie und einen zarte Liebesgeschichte. Sehr empfehlenswert.

Thirst
War es letztes Jahr Schweden, das den interessantesten Beitrag zum Vampirboom leistest, war es dieses Jahr Park Chan-wook (u.a. „Oldboy„, „Lady Vengeance„) aus Süd-Korea. Er lässt einen Priester von dem Vampirvirus befallen, den er sich durch eine verseuchte Blutkonserve zuzieht. Dieses konsequent durchgezogene Konzept des geistlichen Vampirs, der sich tatsächlich noch verliebt, entwickelt sich zu einem überraschenden Film über Glaube, Vertrauen und Liebe, verpackt in den bekannt skurrilen Bildern des Regisseurs. So schafft es Park Chan-wook nach „I’m a cyborg but that’s ok“ im letzten Jahr erneut und noch sicherer in meine Top Liste.

The Brothers Bloom
Den neue Film von „Brick“ Regisseur Rian Johnson habe ich dieses Jahr heiß erwartet. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten habe ich sogar von Clips aus ferngehalten, um das Filmerlebnis zu trüben. So konnte ich den „Brothers Bloom“ firscher als üblich gegenüber treten. Johnson schafft es einen es einen leichten und zeitlosen Betrügerfilm zu drehen, der in seiner farbenfrohen Vielfalt an Wes Anderson erinnert, jedoch weitaus zugänglicher ist. Etwas überfordert war ich von den vielen Tricks, die die Brüder durchziehen, dass ich zum Ende die Interesse an den Charakteren etwas verloren habe, weil ich als Zuschauer gar nicht mehr wußte, wem ich vertrauen kann. Herausgeholt und das was den Film für eine erneute Sichtung empfiehlt, ist das Aufspielen der Charaktere. Besonders Rachel Weisz als Opfer der Bloom Brüder mit ihrer Mischung aus Naivität und Abenteuerlust macht besonders Spaß.

Wendy & Lucy
Simpler kann ein Film kaum sein und er kann doch so viel aussagen. Wendy will nach Alaska, um dort mit ihrem Hund Lucy ein neues Leben zu starten. In einer Kleinstadt in Oregon bleibt jedoch ihr Auto liegen. Ohne Geld für die Reperatur ist Wendy in der Stadt gestrandet. Es entstehne Probleme mit den Autoritäten, die auch ein Kontakt mit zu Hause nicht lösen können. Die Problem, die zu Wendys Flucht führten, bleiben vage. Michelle Williams als Wendy trägt den Film mit einer Ernsthaftigkeit und inneren Stärke, die den Zusammenbruch und den Verlauf der Geschichte sehr ergreifend macht, ohne dabei auf cineastisches Blendwerk zurückgreifen zu müssen. Ein Indieperle für geduldige Filmfreunde.

District 9
Meine Besprechung ist hier zu finden.

The Wrestler
Meine Besprechung ist hier zu finden.

7 Comments

  • 6. Januar 2010 - 20:01 | Permalink

    Der Teil „Eastwood hat angedeutet, daß “Gran Torino” seine letzte Schauspielarbeit sein könnte. Wenn allerdings ein Skript stimmt, könnte er noch einmal vor die Kamera zurückkehren.“ ist wohl bei „Moon“ ein wenig deplatziert und sollte eher zu „Gran Torino“ 🙂

    Schlne Liste.

  • 6. Januar 2010 - 20:05 | Permalink

    Vielen Dank. Und da ist mir wohl beim Ergänzen etwas verrutscht. Werde ich gleich mal korrigieren.

  • 7. Januar 2010 - 10:49 | Permalink

    Schöne Liste, habe ein paar Filme auf meine Leihliste genommen.

    Bei den Musikerpaaren in Anvil ist aber etwas durcheinander geraten:
    Daltrey und Page kommen aus unterschiedlichen Bands und sollen wohl eher
    Daltrey und Townshend (The Who) und
    Page und Plant (Led Zeppelin) sein.

  • 7. Januar 2010 - 10:50 | Permalink

    @Gerriet – Und da hast du mich wieder erschwischt. Das kommt davon, wenn man nur aus dem Kopf schreibt und es später nicht überprüft. Werde ich gleich mal korrigieren.

  • 7. Januar 2010 - 23:02 | Permalink

    Schön! Das ist die erste Bestenliste des Jahres 2009 (außer meiner), die „The House of the Devil“ berücksichtigt. Und das völlig zu Recht: Ich sehe diesen altmodischen (okkulten) Horror wirklich gerne, aber leider gibt es diesen mittlerweile viel zu selten auf der großen Leinwand zu sehen. Letztes Jahr war mit „Drag Me to Hell“ zum Glück noch ein zweiter Vertreter in der Art zu finden, aber ansonsten wird das Kino ja mittlerweile von sich Horror schimpfenden „SAW“-Sequels dominiert.

  • Kommentar verfassen

    Powered by: Wordpress