Filmbesprechungen

Haze (Shinya Tsukamoto, 2005)

Lange Zeit bediente sich der westliche Horrorfilm genüsslich an der reichlichen Tafel des japanischen Genrekinos. Wieso sollte es auch nicht mal anders herum funktionieren. Experimental Regisseur Shinya Tsukamoto (u.a. „Tetsuo: The Iron Man„, „A Snake of June„, „Vital„) vermischt Elemente von „Cube“ und „Saw“ in seinem Kurzfilm „Haze“ und gibt im Interview als direkte Inspiration die Tunnelszene mit Charles Bronson aus „The Great Escape“ an. Darin kann sich Bronson in einem engen Fluchttunnel weder vor noch zurück bewegen. Eine Vorstellung, die bei dem an Klaustrophobie leidenden Tsukamoto einen bleibenden Eindruck hinterließ.

So findet sich der namenlose Protogonist (gespielt vom Regisseur höchstselbst) zu Beginn auch in einer beklemmenden Situation wieder. Eingeengt in einem Tunnel, der in seiner an den Körper angepassten Form keine Möglichkeit zur Bewegung gibt, wacht er ohne Erinnerung auf. Es beginnt eine Sisyphos ähnliche Tortur, denn die Suche nach einem Ausweg scheint vergeblich und führt zu immer schlimmeren Fallen. Die wenigen klaren Gedanken können auch nicht erfassen, warum er hier ist. Zwischen Kriegsgefangenschaft und der Perversion reicher Menschen liegen die Vermutungen. Höllenähnliche Zustände kommen auf, als er durch einen Spalt die Selbstzerfleischung weitere Gefangener beobachtet. Am Ende des schrecklichen Labyrinths trifft er auf eine Frau, die wie er keine Ahnung hat wie sie hergekommen ist. Doch sie ist fest entschlossen, zu entkommen – ein Gedanke, den der Mann schon verworfen hat. Ein Schacht der neue Opfer hervorbringt, soll als Fluchtweg dienen. Was am anderen Ende wartet, ist nur schwer zu verstehen.. auch für den Zuschauer.

Zuallerst muß man sagen, dass der Film in Sachen klaustrophobischen Horrors voll und ganz abliefert. Tsukamoto setzte für „Haze“ eine digitale Kamera ein, die es ihm erlaubte, die Dreharbeiten auf nur 13 Tage zu beschränken. Hier zeigt sich der Vorteil des digitalen Filmemachens. Durch die Handlichkeit der Kamera ist der Zuschauer auch auf diesem so beschränkten Raum nah am Geschehen, ist aber im Gegenzug nicht nur auf einen Kamerawinkel beschränkt. Viele Schnitte verstärken das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, so daß die Szenen im Höhlenhorror „The Descent“ wie eine Aufwärmübung erscheinen. Eine besonders hinterhältiger Abschnitt lässt den Film eine ähnlich körperliche Erfahrung werden, wie die berüchtigte Bordsteinszene in „American History X„.

„Haze“ startet als Beitrag für ein Kurzfilmprojekt des „Jeonju Film Festival„, in dem Filmmacher aus Japan, Korea und Thailand Arbeiten einreichen. Tsukamotos damalige Fassung war 24 Minuten. Für den Internationalen Markt hatte er allerdings noch eine lange Version mit 49 Minuten in der Hinterhand. Diese ist auch als deutsche DVD erhältlich. Ich hatte „Haze“ schon länger auf meiner Warteliste und habe mich gerade jetzt für die Sichtung entschieden, weil er der Vorläufer eines „Minitrends“ ist. Mit „Buried“ und „127 Hours“ stehen zwei Filme in den Startlöchern, die Menschen in extremen Situationen zeigen. Gefangenschaft an einem engen Ort spielt in beiden Streifen, besonders in „Buried“, eine zentrale Rolle.

Wie „Cube“ (wenn man den Originalfilm als Einzelwerk betrachtet) bleibt bleibt „Haze“ in seiner Deutung enigmatisch. Viel deutet darauf hin, dass die Tortur sich im Unterbewusstsein des Gefangenen abspielt. Ergänzt wird die scheinbare Realität durch surreale Sequenzen, welche die Verzweiflung und den Geisteszustand des Hauptdarstellers widerspiegeln. Der Wunsch des Darstellers, so klein zu sein, das in der Enge wieder Bewegung möglich ist, wird in einer wunderbaren Sequenz visualisiert und verdeutlichen auch Tsukamotos Arbeit als Auteur. Seine bisherige Filme befassen sich vermehrt mit dem Menschen und seinem Platz in dem urbanen Umfeld. So ist es kein Zufall, dass es sich um eine Betongefängnis handelt. Die letzten vagen Erinnerungen der beiden Darsteller drehen sich ebenfalls um die Bilder der Stadt und geben gleichzeitig Hinweise auf eine Auflösung der Situation, denn gegen Ende löst Tsukamoto die Enge der Tunnel auf und bringt sein Publikum wieder ins Freie. In der vielfach interpretierbaren Endsequenz ist ein blauer Himmel zu sehen, so daß es scheint der Regisseur hat mit dem Thema der Veränderung des Menschen in der Stadt abgeschlossen und kann sich, wie in einem Gespräch im Bonusmaterial der DVD angedeutet, nun dem Thema der Natur zuwenden. Und an die möchte man nach der nahezu physischen Erfahrung mit „Haze“ auch gerne gehen.

Trailer
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One comment

  • 18. Oktober 2010 - 13:36 | Permalink

    Hey. Danke für den Filmtipp. Ich mochte Cube 1 und da schau ich mir Haze auch mal an.

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